Heute auf dem Weg von der Arbeit, in der S-Bahn sitzend, erlebte ich folgende Situation.
Vor mir eine Mutter mit zwei Kindern, die auf einen Mann, der nebenan sass erst irritiert, dann etwas mit Unbehagen und zum Schluss mit Ablehnung reagierten. Es war zu erkennen, das sie ihn als eher gefährlich und unangenehm einstuften. Die Mutter jedoch erklärte den Kindern nichts und reagierte auch nicht auf deren Reaktion.
Was nun aber war an diesem jungen Mann so besonders?
Ich hätte es meinen Kindern erklärt.
Er war jung, sah durchaus ungepflegt und schmutzig aus und hatte seltsame Bewegungen, Reaktionen und Aktionen.
Er hatte sichtbar Zwangshandlungen und Ticks.
Er blätterte in einer Zeitschrift, hielt an, sagte etwas für uns unverständliches, blätterte die Zeitung zu, machte Gesten, als wenn er sich etwas versichern wollte, drehte die Zeitung zweimal um und fing von vorne an, immer und immer wieder.
Ein Zwang kann jedwede Handlung sein. Die Logik erschliesst sich dem aussenstehenden meist nicht, aber sie wiederholt sich von ein zweimal bis unendlich viele Male oder acht mal und dann Pause und von vorne. In der Regel sind sie ungefährlich, zumindest für aussenstehende. Das Paradoxe ist, dass der Zwang aus Unsicherheit entsteht und doch gleichzeitig den Betroffenen Sicherheit gibt, da er sich mit der Handlung seiner selbst vergewissert.
Nun setzte sich ein neuer Fahrgast ihm gegenüber und schimpfte kurz darüber, das dieser junge Mann seine Beine auf dem Sitz hatte.
Glücklicherweise reagierte der Mann "nur" damit, das er seine Beine runter nahm und sie kreuzte. Eine Schutzgeste.
Jedoch fingen seine Zwangshandlungen an sich zu verstärken und es kamen jetzt Ticks hinzu, die auch scheinbar ein Teil der Zwangshandlung waren.
Ticks können Bewegungen sein, Gesichtszuckungen, Schulterzucken oder auch Töne, Wörter.
In unserem Fall waren es kurze hustenähnliche Töne und gelegentlich ein Pfeifen.
Das kann einen Unwissenden und insbesondere ein Kind irritieren und Angst machen.
Dabei sind solche betroffenen Gefangene ihrer selbst und in der Regel ungefährlich.
Jetzt folgte aber eine kurze Unterbrechung und er schaute scheinbar die Kinder an und sagte etwas unverständliches.
Hier sei allen geraten davon auszugehen, das uns immer verborgen bleiben wird, was derjenige sieht und wahrnimmt. Er könnte uns als böse Gesichter sehen, oder als farbige Muster, oder als freundliche Wesen, als Lehrer oder Engel oder er nimmt uns nicht einmal wahr und sieht etwas ganz anderes.
Denn beachte, wir können zwar die Ticks und Zwangshandlungen sehen, aber nicht, was sonst in dem Kopf eines anderen Menschen vorgeht.
Ob er Schizophren ist oder depressiv, manisch oder Wahnhaft. Wir wissen es nicht und darum hier die wichtigsten Tipps die ich geben kann im Umgang mit solchen Betroffenen.
Am wichtigsten: Sprechen sie ihn nie an, ausser sie sind in einem Park oder auf einem grossem Platz.
Der viele/ grosse/ weite und vor allem ruhige Platz ist wichtig, damit sie sich sicher genug fühlen können, ohne in Stress zu geraten, denn das verschlimmert die Situation für alle Beteiligten.
Zweitens: setzen sie sich möglichst weiter weg von ihm und sorgen sie gegebenenfalls dafür, das die Plätze um die Betroffenen leer bleiben, denn so bleibt der Stresspegel niedrig. Viele Betroffene brauchen viel Raum, um sich sicher zu fühlen.
Des weiteren, auch wenn sie es gut meinen, nicht umarmen. Fragen sie keinesfalls was sie tun können, wohin er will oder ob er/ sie etwas zu essen oder Trinken möchte. Es irritiert die Betroffenen und sie können häufig mit dem Eindringen in ihre Privatsphäre nicht gut umgehen, dass heisst der Stresspegel steigt, sie werden nervös und misstrauisch und die Situation wird weniger kontrollierbar für alle Beteiligten.
Erklären sollte man es den Kindern unbedingt. In ganz normaler Lautstärke, so wie man eben Gespräche führt, denn zu lautes Reden oder zu leises sorgt wieder für erhöhten Stress und Misstrauen und kann Ticks verstärken. Den Kindern sollte man aber gleichzeitig sagen, das sie dabei die Eltern oder aus dem Fenster schauen sollen, um die Aufmerksamkeit nicht auf sich zu lenken, zum Schutze des Betroffenen.
Wenn Sie wirklich helfe wollen, müssen sie Zeit mitbringen, Ruhe und viel Geduld. Holen sie sich dazu immer professionelle Hilfe heran.
Es gibt den psychiatrischen Notdienst, die Polizei (bei Eigen- und Fremdgefährdung) und andere Hilfsorganisationen.
Sollte jemand sich selbst oder dabei sein andere zu gefährden oder bereits dabei sein, rufen sie immer die Polizei und wenn es geht den Psychiatrischen Notdienst dazu.
Sorgt immer dafür das alle ausser Reichweite gehen. Keinesfalls festhalten oder den Weg abschneiden! Das fördert die Aggressivität und das Misstrauen des Betroffenen und dieser kann sehr grosse Kräfte entwickeln, seien diese auch noch so kleine Personen.
Sie können auch unbeobachtet den betroffenen fotografieren und Ort und Tageszeit sich notieren und dies an die Obdachlosenhilfe oder anderen Hilfsorganisationen und auch der Polizei weitergeben, wenn der Verdacht besteht, dass die Betroffenen auf der Strasse leben. Das ist gelegentlich der Fall. Leider.
Allerdings sollte jeder Helfer wissen, das, wenn keine Eigen- und Fremdgefährdung besteht, nicht immer psychiatrisch geholfen werden kann und die Polizei oder andere Helfer "unverrichteter" Dinge gehen müssen. Dies ist vom Gesetzt so geregelt und die Betroffenen wollen nicht immer das man ihnen hilft, erkennen Hilfe nicht immer als solche oder sehen sich als gesund oder als einzige Normale an. Auch kann uns das Ausmass viel schlimmer erscheinen, als es die Betroffenen selbst empfinden, denn gerade Ticks und Zwangshandlungen bestehen sehr lange bevor sie auffällig werden und sind somit häufig bereits normaler Bestandteil des alltäglichen Lebens und der Leidensdruck hat sich verschoben bzw. die Grenzen der Eigenwahrnehmung zum Problem.
In meinem Fall schien der junge Mann durchaus unter seinen Ticks zu leiden, denn er fing kurz leise an zu weinen und vergrub sein Gesicht in seine verschränkten Arme und schien sich mit den Händen am Rücken selber zu trösten und zu beruhigen.
Ich wünschte die Kinder und auch der Mann der daneben sass, würden diesen jungen Mann mit weniger Unsicherheit, Unwissenheit und Ekel ansehen. Es war ein trauriger Anblick und ich hoffe, da draussen gibt es jemanden, der sich tatsächlich um ihn kümmert oder in Zukunft kümmern wird. Zu wünschen währe es ihm. Helfen konnte ich ihm in dem Moment in der S-Bahn nicht, aber ich kann ihm das Beste wünschen und ihm mit Respekt begegnen.
Und ich kann dankbar für mein eigenes Leben sein, das sich doch so gut entwickelt hat.
Licht & Liebe

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